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Reiseberichte: Jenaer Studenten in Japan
Stephan Wagner: Urlaub, Sommer 2001 -Teil 2 -

Warum Japan? (2)

Verschwitzt, erschöpft und ein bisschen stolz kehrten wir zur 5. Station, an der wir unsere Rücksäcke eingeschlossen hatten, zurück. Man kann noch eine andere Route vom Fuji Richtung "Normalhöhe" nehmen. Nachzulesen in jedem guten Reisefuhrer. Zu unserer Bewaffnung zählte der "Lonely Planet - Japan". Ein Buch das fast alle Japan Bagpack- und Normaltouristen besitzen. Wir hörten von witzigen Dialogen, wessen Lonely Planet das den sei, der da im UNO-House in Kyoto in der Küche rumlag. (A:"Is that yours?" - B:"No, got mine here!" - A:"Yours?" - C:"No, I have it in my room!" - A:"...??")

Apropos Kyoto: Wie reist man in Japan? Was lohnt sich? Was ist vor allem billig? Das Wichtigste für z.B. mittellose Studenten, wie uns!
Also, überlegen wir mal? Einige Japaner aus der Tokyoter Ecke fliegen schon mit dem Flugzeug nach Kyushu, wenn sie dort Verwandte besuchen wollen, weil man sich das Chaos auf den Straßen nicht antun möchte. Aber Flugzeug fliegen fiel bei einem Budget, wie dem unseren, sowieso gleich heraus. Und mit dem Auto fahren? Auf den Linksverkehr hatte keiner von uns wirklich Lust und zudem besaß keiner von uns einen internationalen Führerschein bzw. eine begläubigte Übersetzung unseres "Euro-Führerscheins".
Japan ist ja noch für seine Schnellzüge, die Shinkansen berühmt. Also, was ist damit? Da fallen mir konkret nur 2 Worte als Kommentar ein: "Zu teuer!" Ähnlich dem ICE bei uns hier in Deutschland ist der Komfort ziemlich hoch, und die Verbindungen "Mega"-schnell!!! Tokyo -> Kyoto in gut 2 Stunden!! Wer bei seinem Aufenthalt (bis zu 3 Wochen) wirklich viel reisen will, kann sich über den "JR-Railpass" informieren. (JR = Japan Railway - größte Bahngesellschaft Japans)
Ist damit schon die Fahnenstange erreicht? Ende Gelande? Pech gehabt?
Nein. Es gibt noch viele Möglichkeiten relativ günstig von A nach B zu kommen. Die erste waren Nachtbusse, die von Tokyo aus in alle Richtungen und auch wieder zurückfuhren. Eine weitere Möglichkeit ist das "Juhachi-kippu". Nur zu bestimmten Zeiten beziehbar, ermöglicht es für 11.200 Yen mit bis zu 5 Leuten 1 Tag lang alle Regionalzuge von JR zu benutzen (also nicht Shinkansen und Expresszugen). Oder äquivalent an 5 Tagen alleine zu fahren. Diese Tage mussen nicht zusammenhängend, aber im entsprechenden Nutzungszeitraum liegen.

Der Railpass erschien uns zu teuer, deswegen entschieden wir uns für das "Juhachi". Billig aber mit Tücken, wäre als Einschätzung wahrscheinlich passend formuliert! Nichts böses ahnend sind wir nämlich vom Fujisan mit dem Bus in die nächste Stadt mit Bahnhof namens Kofu gefahren, um uns Richtung Kyoto zu begeben. Der Bahnhof war aber kein JR-Bahnhof. Und weil das "Juhachi-kippu" eine Erfindung von JR ist, musten wir dort noch mal zahlen! Das nächste Ärgernis lies leider nicht lange auf sich warten.
In einem so hochtechnisierten Land wie Japan erwartet man ja eigentlich so einiges von den Leuten hinsichtlich Informationsbeschaffung und solcher Sachen. Was wir aber in Otsuki erlebten, verstand zuerst keiner so recht. Nach meiner Frage auf Auskunft fur eine Verbindung nach Kyoto wurde mir gesagt, das das wohl heute nichts mehr wurde, man musse mal nachschauen. Prompt kramt der Bahnhofsangestellte in einem 10 cm dicken Streckenfahrplanbuch, um etwas zu finden. Viel Erfolg hatte er nicht, und irgendwie kam es mir so vor, als ob er eigentlich auch gar keine Lust hatte. Jedenfalls meinte er irgendwann, er wäre doch gerade sehr beschäftigt und gab mir die Telefonnummer von der JR-East Auskunft in Tokyo. Ich war gerade noch so clever und fragte, ob ich das Bahnhofsbürotelefon benutzen könne. Die nächsten 20 min hatte ich eine etwas nervige und nicht wirklich zufriedenstellende Besprechung mit einer jungen Dame auf Englisch. Eine Verbindung am heutigen Tag ware nur noch mit teueren Expreszügen möglich. Das war das Ergebnis. Es war jetzt 14.oo Uhr und irgendwie konnte ich das nicht wirklich glauben! Da kam ein möglicher Zug!! Also auf nach Süden nach Fuji oder Shizuoka und dann hoffentlich nach Kyoto. Nach ein wenig Abstand von der ganzen Geschichte kann ich sagen, das die Erwartungen in das "Juhachi-kippu" wahrscheinlich etwas zu hoch gesteckt waren. Mein Opa sagt immer : "Nichts geht in der Zeit Null!" und "Billig ist nicht immer gut!" Das dazu... Komisch nur, das die Gaijin-Frau, die nach uns eine Information am Schalter wollte und mit ihrem JR-Railpass winkte, prompt bedient und gut informiert wurde. (inkl. Ausdruck!) ;)

Nichts desto trotz, kein Hindernis war stark genug, um uns aufhalten zu können, Kyoto zu erreichen. Das kulturelle Zentrum Japans. Bis zu den Meiji-Reformen war es Sitz des Kaisers. Kyoto ist Heimstatte von mehr als 2000 Tempeln und Schreinen und eine der japanischen Stadte, die im 2. Weltkrieg von den Bomben der Amerikaner nahezu unbetroffen blieben.
Kyoto, das sind für mich Geishas und Gion, die unzahligen Tempel mit ihren wunderschönen Gärten, die umgebenden Berge, die bunten Koi (=japanische Karpfen), die Shijo-dori, der neue Bahnhof und die Hitze, die in dieser Stadt herrscht. Ich gewöhnte mir an, immer ein Handtuch mitzunehmen. Der Schweiß floß in Strömen. Vielleicht habe ich aber auch nur schlechte Gene von meinem Papa geerbt. Genauso, wie den Japanern angeblich ein Enzym zum Alkoholabbau fehlt, habe ich vielleicht welche bei der Schweißproduktion zuviel. Unser Ziel in Kyoto war das UNO-Haus. Die 1. Adresse, wenn es um Zentrum nahes und preiswertes Wohnen geht! Knapp 120 DM für ein 3-Mann-Zimmer. Das ist sehr preiswert für Japan! Kein Schlafsaal, sondern eine eigene kleine Privatsphäre!

In Kyoto am Samstag um 8.oo Uhr am neuen Bahnhof angekommen, wollten wir gleich zum Uno-Haus und am Liebsten schlafen gehen. Die Fahrt war nicht sehr erholsam gewesen. Da gerade Schulferien und Obon-Fest (= traditionelles Sommerfest) in Japan waren, stiegen wir in Fuji in einen Zug ein, der schon bis oben hin voll war. 3 1/2 Stunden standen wir nahe der Tür und erlebten in Ogaki was Umsteigen in Japan bedeutet. Alle beeilten sich aus dem Zug herauszukommen, teilweise ohne Rücksicht auf Verluste. Ein wahrer Strom von Leuten ergoß sich über die Treppe zum Gleisübergang. Platz/Raum ist in Japan kostbar, sogar in der Bahn. Welch Stress um 5 Uhr 30! Und alles nur, weil viele Japaner zum Obon-Fest in die Dörfer ihrer Vorfahren zurückkehren wollen. Die verstorbenen Seelen der Vorfahren kehren nach dem Buddhistischen Glauben zur Zeit des Obon-Festes, traditionell Mitte August (13.8.-16.8), auf die Erde zurück. Ihre Nachfahren entzünden dann Laternen und setzen diese auf Seen, Flusse oder dem Meer aus, um die Verstorbenen in die Unterwelt zurück zu geleiten.

(Sa.11.8.)
Egal, wir hatten es geschafft! Die nächste Woche wollten wir uns diese schöne Stadt anschauen!
Das nach chinesischem Vorbild geprägte Straßensystem, läßt sehr weite Blicke zu. Die Straßen verlaufen in Nord-Süd- und Ost-West-Richtung, stehen also senkrecht aufeinander, das allein ist für uns Mitteleuropäer schon etwas seltsam. Aber nichts übertrifft das Flair von Kyoto, wenn zwischen 2 schicken "Depaato"s plötzlich ein Tempel oder ein Schrein auftaucht. Über die Sehenswürdigkeiten dieser Stadt kann man in allen Reiseführern lesen. Ich möchte nur etwas über das Okuribi/Daimonji-yaki und die Beleuchtungsaktion am "Kiyomizu-dera" erzählen.

(Do.16.8)
Das eine Spektakel, welches in Kyoto während unserer Anwesenheit stattfand, war das Okuribi oder auch Daimonji-yaki genannt. Dabei handelt es sich um das Anzünden von 40 bis 50 m hohen und breiten Schriftzeichen, die in die Berge um Kyoto "eingeschlagen" sind. An einem Abend nun werden mehrere Feuer entlang der Konturen angebrannt und Tausende und Abertausende warten auf Brücken und Straßen an Orten, von dem mehrere Zeichen sichtbar sind und bestaunen die Ereignisse. In Japan gibt es so viele Menschen! Wir kamen uns wie Heringe vor. Von unserer Brücke aus konnte man die Kanji für "Dai " (=gros) und "Hou" (=Gesetz) sehen. Überall Polizei! So eine Veranstaltung will gut koordiniert sein! Zwischen den Massen versuchten Fahrradfahrer, hindurchzukommen und sorgten nur für noch mehr Verstopfung. Endlich, kurz nach 20.oo Uhr war es soweit. Das 1. Zeichen, "Dai", wurde entzündet. Die Menge bewunderte diesen Effekt. Und auch beim 2. Zeichen, dem für"Hou", ging ein Murmeln durch die Menge. Andreas Koch bemerkte als Erster, das einfach nur alle Leute gleichzeitig "HOU" gesagt hatten. Nach 1 Stunde verliesen wir die Brücke wieder. Schon war alles vorbei!

Internetcafes in Kyoto zu finden, ist nicht so einfach wie in Tokyo, wo wir mit Maillesen keine Probleme hatten. Ein Internetcafe um die Ecke wie in Shin-Okubo, viele Möglichkeiten in Akihabara... immer Kommunikation mit Zuhause und unseren Freunden in Japan. In Kyoto wichen wir auf einen 24 Stunden Copy-Shop aus, in dem es ein paar Internetcomputer gab.
Eine weitere Kommunikationshilfe war der Kauf eines Prepaid-Handys für ca. 5000 Yen (=100 DM). Dazu gab es 10 min Gesprachsguthaben und Japanweite Erreichbarkeit. Das Keitai (= Handy) an sich ist nicht mit den Modellen zu vergleichen, die gerade überall in Japan im Umlauf sind, aber für europäische Verhältnisse ist es richtiggehend "stylisch"! Dieses Keitai hat uns gute Dienste beim Planen und Abmachen erwiesen.

(Di. 14.8.)
Der Kiyomizu-dera ist einer der schönsten Tempel Kyotos. Besonders wenn man die Chance hat, ihn des Nachts beleuchtet zu erleben. Wie uns das vergönnt war. Überall waren Fackeln und Kerzen aufgestellt. Die Pagode und einige Gebäude des Tempels wurden angestrahlt. Einlas für dreiste Gaijin kostenlos. Naja, wir waren nicht dreist, eher ein bisschen dumm. Wir waren nämlich zu früh da! Das Spektakel sollte erst 19.oo Uhr beginnen. Wir aber waren schon 18.oo im Tempelgelände, das kostenpflichtig ist. Also hatten wir bereits Tickets gekauft und schauten uns schon begeistert um. Japan liegt geographisch südlicher als Deutschland und deswegen wird es auch im Sommer schon früher dunkel. Im Gegensatz zu unseren Breiten, wo der Sonnenuntergang Mitte August, immer noch gegen 21.15 ist (wegen der Sommerzeit), wurde es in Japan schon 19 Uhr dunkel. Das war am Anfang ein wenig komisch. Mit einem solchen Unterschied hatten wir nicht gerechnet, aber man gewöhnt sich ja an alles! Jedenfalls wurden wir kurz vor sieben aus dem Kiyomizu "rausgeworfen".
Wie kann man sich das vorstellen: Es gibt einen Fronteingang an dem Treppen zum Tempel hochführen, ein paar Meter weiter schlängelt sich ein Weg vorbei an den Tempelgebäuden, um ein paar Kurven und dann fällt man die Treppen zum Seitenausgang heraus. Und genau dorthin wurden wir höflichst geleitet!
Am Ausgang gibt es einen Brunnen, dessen Wasser Gesundheit und Reichtum bringt. Das Wasser sturzt aus Rohren in ein Becken. Man kann sich mit einem Behalter aus diesem Wasserstrahl bedienen. Leider waren gerade, als wir dort vorbei gegangen sind, sehr viele Leute dort, deswegen sind wir jetzt nicht mit Reichtum, Glück, Erfolg bei den Frauen gesegnet. ;)

Jedenfalls sind wir nach dem Rauswurf wieder zum Eingang und haben uns erst mal geärgert, das wir zu früh da waren. Gaijin wie wir, können ja nicht alles wissen und so zeigten wir einfach unsere alten Tickets, die wir noch in den Handen hielten, vor und spazierten an den doch etwas irritierten Einlassmädels vorbei. Wir hatten dann noch einen wunderschönen Abend im Kiyomizu-dera. Mit dem Begaffen von Sutras singenden Mönchen beim Gebet verbrachten wir mehr als eine halbe Stunde.

Einigen der ehrwürdigen Tempel Kyotos besuchten wir während unseres Aufenthaltes. Namentlich waren das: Ryouan-ji, Kinkaku-ji, Ginkaku-ji, Hon'nen-in, Yasaka-jingu und irgendwann hat man genug von Tempel und Schreinen und geht lieber eine Runde shoppen! Und das geht in Kyoto richtig gut! Der Bereich zwischen der Sanjo-dori und der Shijo-dori ist dafür berühmt und beliebt.


Und so langsam musten wir weiter. Andreas G. hatte seinen Heimflug für Samstag, den 18.8. ab Osaka gebucht. Im Nachhinein eine Entscheidung, die er so nicht noch einmal treffen würde. Ihm hatte es ziemlich gut in Japan gefallen! Erst kurz vor Beginn unserer Reise brachte er sich die beiden Silbenschriften Hiragana und Katakana jeweils innerhalb 1 Woche nebenbei bei und zeigte damit, das man den Einstieg in die japanische Sprache ziemlich leicht finden kann. Ein nützliches Utensil beim Lernen und Bearbeiten von Texten sind kleine elektronische Organizer, die mit einer Handschrifterkennung ausgestattet sind. Diese Systeme (z.B. von Sharp) können Kanji erkennen, soweit sie in der richtigen Strichreihenfolge geschrieben wurden. Eine erhebliche Erleichterung bei der Bestimmung der Lesungen von Schriftzeichen. In Akihabara ab 300 DM erhaltlich.


Vom Nachtleben in Osaka geschafft, machten wir uns am Tag von Andreas's Heimreise wieder auf den Weg zurück nach Tokyo, bzw. zur Familie Tachizawa nach Matsudo (etwas nordöstlich von Tokyo gelegen).
Wie? Natürlich mit dem Juhachi-kippu! Am Abend 20.oo Uhr in Osaka gestartet, führte uns die Fahrt über Ogaki, weiter nach Nagoya und Shizuoka, also an der südlichen Pazifikküste entlang, nach Tokyo. Um 5.oo Uhr waren wir dort angekommen und eine halbe Stunde später lagen wir im Ueno Park, um noch ein wenig zu schlafen. Am Sonntag morgen in einem öffentlichen Park in Japan! Was da wohl los ist? Zumindest Andreas kann diese Frage heute beantworten. Ich habe geschlafen...
Um 7.oo Uhr sollen sich direkt vor uns ca. 200 Japaner versammelt haben, die zur Musik Morgengymnastik gemacht haben. Und ich habe geschlafen!!! So was!


(So. 19.8.)
Wir lernten an diesem Vormittag noch eine Menge Leute im Ueno-koen kennen. Vorwiegend Indonesier, die in Japan an 1- oder 2 jährigen Sprachkursen teilnehmen. Apropos Bekanntschaften! In Japan haben viele Leute Meishis (=Visitenkarten). Wir hatten keine! Wenn man jemandem kennenlernt, druckt man ihm irgendwann mal eine Karte in die Hand. Das spart unleserliche Adressen und verloren gegangene lose Zettelchen.

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