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Reiseberichte: Jenaer Studenten in Japan
Stephan Wagner: Urlaub, Sommer 2001 -Teil 1-

Warum Japan? (1)

Warum willst Du ausgerechnet nach Japan?
Das war die mir am Häufigsten gestellte Frage vor dem Beginn meiner Reise in das Land, von dem man hört, es sei der Ort der Widersprüchlichkeiten. Das Neue lebe dort neben dem Alten. Die Tradition steht dem Kitsch und der Hochtechnologie gegenüber, so sagt man. Und doch ist alles eins. Beide Welten verschmelzen...
Bei meinem ersten Besuch, in diesem für mich bis dahin nur aus dem Fernsehen und dem Japanischunterricht bei Herrn Hasegawa bekannten Land, stellte ich oftmals fest, wie anders Dinge im Vergleich zu Zuhause sein können. Des öfteren gab es Gelegenheiten zu schmunzeln und darüber zu diskutieren wie hen (= verruckt, komisch) Japan doch für uns ist! Sehr? Extrem? Oder total???

Am 31.7.2001 abends startete ich zusammen mit Andreas Grützmann vom Frankfurter Flughafen. Mit Japan-Airlines, der Fluggesellschaft mit dem Kranich, ging es des Nachts über Estland, Lettland, St. Petersburg und Sibirien nach Japan. Der Flug (45 Tage gültiges Ticket) kostet für Studenten inklusive des Bahntickets ca. 1300 DM. Zu Buchen zum Beispiel bei "Aerolinea". Dort gab es einen sehr guten Service und es hat alles spitze geklappt. Andreas hatte sich erst gut 1 Monat vor Abflug entschlossen mitzukommen. Das bereitete auch keine weiteren Probleme. Man kann Flüge recht kurzfristig buchen. Nach 11 1/2 Stunden Flug landeten wir in Narita. Etwas östlich von Tokyo gelegen, ist es das Tor nach Japan für viele Reisende.

Bei unserer Ankunft war es sehr heiß! Ich habe schon von vielen Leuten gehört, und war dadurch ein bisschen darauf eingestellt, das es sehr schwül und warm in Japan ist, aber der erste Schwall von Hitze, der da kurz nach dem Verlassen des Flugzeugs spürbar war, hat mich schon ganz schön umgehauen! Und dabei waren das gerade mal 30 m (im Gang vom Flugzeug zum Terminal).
Und danach kam der erste Kontakt mit der Kraft japanischer Klimaanlagen! Erhöhte Schnupfengefahr durch wechseln von Draußen (heiß) nach Drinnen (kühl). Uns wurde schon in Deutschland eine Erkältung prophezeit. Aber wir hatten Glück, wir blieben die ganze Zeit gesund.

Nun gut, da waren wir also!! Verwirrte Touristen, mit einer großen Mission : Finden unseres Gaijin -Houses (Gaijin = Auslander) in Shin-Okubo. Das im westlichen Teil Tokyos gelegene Shin-Okubo ist ein bißchen nördlich von Shinjuku, wo es viele Hochhäuser (darunter auch das Rathaus) und einen der großten Bahnhofe der Welt gibt. Vor wieviel Verwirrtheit, Hektik und Ratlosigkeit uns die Hilfe von 2 Freundinnen gerettet hat, die uns überraschenderweise am Flughafen erwartet haben, ist mir bis heute nicht klar! Gejettlagt spazierten wir sozusagen mit unseren Führerinnen über die Bahnhöhe und durch Tokyo.

Überall mal hinschauen und erstmal gar nicht begreifen wo man eigentlich ist, bestimmte hauptsächlich unsere Gedankengänge. Es sollte in den nächsten 4 Wochen ziemlich turbulent zugehen. Als erstes stand Tokyo auf dem Plan.
Eine Stadt, die, soweit ich das mitbekommen habe, aus verschiedenen Teilstädten besteht. Und die so verdammt groß ist, das man sich irgendwann mal in großere Höhe aufschwingen muss, um einen Blick von oben zu bekommen. Ich habe das gebraucht, um am Boden unten in der Stadt nicht immer das Gefühl von Orientierungslosigkeit zu haben. Die vielen gesehenen Orte mussten irgendwie in einen größeren Zusammenhang gebracht werden.

(2.8.-5.8.)
Was machen eigentlich ordentliche Touristen? Na klar, erst einmal die Sehenswürdigkeiten abklappern!
Was gibt es da in Tokyo so? Hmmmm... , also *Luft-hol* :
Den kaiserlichen Palast, Shinjuku-station, Ueno-koen, den Asakusa-tera, Meiji-jingu, den beruhmten Fischmarkt Tsukiji, Ginza, die Champs d'Elyse Tokyos, das glitzernde, bunte Akihabara, den Tokyo-Tower, das umtreibige Harajuku, das etwas altere Obaasan no Harajuku und das romantische Odaiba mit der Rainbowbridge und der Fuji-Television Station. Und das ist bei Weitem noch nicht alles.
Um sich wirklich ein Bild machen zu können, braucht man Zeit und einen guten Führer. Wir trafen in dieser 1. Woche dann auch fast jeden Tag Freunde, die uns herumführten und uns viele Dinge erklärten.

In Ermangelung von Brot, gab es zum Frühstuck immer süße Backwaren bei unserem Lieblingsbäcker in Shin-Okubo. Die 24-Stunden Läden sind auch eine super Einrichtung. Nach unseren Tokyoerkundungen, die meistens nicht vor 10 Uhr Abends endeten, sind wir immer noch mal zum Family-Mart gegangen und haben uns was zum Trinken oder zum Snacken mitgenommen.

Wir hatten wirklich Glück mit dem Wetter. Nur vielleicht für mich persönlich ein bißchen zu warm. Man muß sich doch wundern, wie es die Salary-man (Bezeichnung fur Buisness-Mann) den ganzen Tag in Ihren Anzügen aushalten? Ich wurde den Hitzetod sterben! Ganz kläglich!!!

(6.8.-9.8.)
Nachdem wir also in Tokyo einiges gesehen hatten, folgten wir einer Einladung nach Kumagaya, zu der Familie einer Studentin der Reitaku Universität. Die Okazakis! Für 4 Tage waren wir Ihre Gäste und haben in dieser Zeit viel erlebt, gelernt, gelacht und gegessen.
Ein Ausflug nach Nikkou, einem wunderschönen Nationalpark, etwas Nörd-Östlich stand gleich am nächsten Tag auf dem Programm. Dieser Nationalpark ist sehr groß und beginnt mit dem Tosho Schrein, in dem unter anderem Ieyasu, der erste Shogun der Edo-Ara begraben liegt. Es war ein bißchen regnerisch an diesem Tag. Die Gebäude, die alle prächtig verziert sind, wirkten dadurch sehr mystisch. Ich hatte schon von der Schönheit und der Redewende "Nikkou kekkou " gehört und kann nur zustimmen. Nikkou ist wirklich "ziemlich" herrlich!!! Und dabei haben wir "nur" den Schrein gesehen. Der Okazaki-Papa erklärte uns am Abend noch, das das erst 1/4 des gesamten Gebietes war!

Ich liebe das japanische Essen! An jenem Abend bescherte uns der "Sushi-boy" einen außergewöhnlichen Festschmaus. "Sushi ga taberaremasu ka" hieß da zuerst die Frage. Wir : "jau!" (liebend gerne!!!!!) Meine Erfahrungen mit Sushi beschränkten sich auf Kaiten-sushi (Sushibars), Reitaku-studenten Sushi und Versuche das Ganze zu Hause mit Mama mal selber zu machen! ;>
Ich dachte jetzt halt, das dauert ein Stück, bis der Reis gekocht, belegt und gerollt ist... Aber zu meiner Überraschung kamen eine halbe Stunde später 2 kreisförmige Tabletts voll mit allen Sushiarten, die ich bisher nur auf Photos gesehen hatte, durch die Tür auf den Armen von Sayaka hereingeschwebt! Das war sehr lecker! Und als Abrundung gab es noch Pizza.


Eine weitere schone Art sich die Zeit zu vertreiben, neben dem Essen und Ausflüge machen, ist "Hanabi".
Es gibt 2 Arten von Hanabi. Die eine ist die, welche im Sommer als großes Feuerwerk am Himmel zu sehen ist und bei der Komplexität der entstehenden Figuren schon die Bezeichnung Kunst verdient. In allen japanischen Städten gibt es während des Sommers diese Feuerwerke. Das Großte, das in Tokyo stattfindet, ist das "Sumidagawa Hanabitaikai" (am Ufer des Sumida-Fluses stattfindend) und wenn man einen guten Platz ohne Hochhäuser im Blickfeld haben möchte, kann es schon vorkommen, dass man bis zu 5000 Yen (=100DM) bezahlen muß. Dieser Art von Hanabi wohnen viele Menschen bei. Man setzt sich an die Ufer von Flüssen oder auf Wiesen und veranstaltet nebenbei noch eine Art nächtliches Picknick. Das andere Hanabi, das wir vor dem Haus der Okazakis gemacht haben, ist eigentlich nur Handfeuerwerk, das aber auch schon sehr schöne Effekte hervorbringt. Es gibt keine großartigen Knalleffekte, aber bei den schönen bunten Funken braucht man die auch nicht. Da saßen wir nun also an 2 Abenden jeweils fast 1 1/2 Stunden auf der Straße, brannten unser Feuerwerk ab und alberten herrlich herum.

Die Einblicke in das japanische Familienleben, die wir während unseres 4-tägigen Aufenthaltes bei den Okazakis bekommen haben, waren sicherlich durch eben diesen kurzen Zeitraum bedingt sehr oberflächlich, aber super interessant und sehr, sehr lustig!!!!

(do. 9.8.)
Es hieß nun Abschied nehmen und Zurückkehren. Zurückkehren nach Tokyo, um Andreas Koch, das 3. Mitglied unserer kleinen Runde zu begrüßen. 2 Tage vor unserem Abflug entschied er sich, uns nach Japan zu begleiten. Ein bisschen knapp, aber die Buchung des Fluges hat spitzenmäßig geklappt und so konnten wir ihn gut eine Woche nach unserer Ankunft in Shinjuku in die Arme schließen. Um was zu tun?

Tja, das was jeder Japaner, wie ich gehört habe, in seinem Leben mal machen sollte.
Die Besteigung des Mount Fuji! Wir entschieden uns den Aufstieg in der Nacht zu wagen, um in den Genuß des Sonnenaufgangs zu kommen. Der Fuji ist nur im Juli und August für Touristen "geöffnet". Als heiliges Wahrzeichen bzw. Gottheit, reprasentiert er für die Japaner etwas Urjapanisches. Etwas was schon lange da ist, 3776 m hoch und voraussichtlich auch dort bleiben wird!

Schätzungsweise 400.000 Leute schlängeln sich in diesen 2 Monaten jedes Jahr die steilen Pfade des Fujis hinauf. Diese Pfade, die von kleinen bis großen Berghütten, zum Übernachten und Rasten, gesäumt sind, bergen in der Nacht erhöhte Gefahr. Man kann schnell vom Weg abkommen. Das ist auch uns mehrfach passiert und wenn man nicht aufpasst, kann man die 45 Grad Schräge des Fujis hinunterpurzeln.

Es ist wirklich erstaunlich, wie symmetrisch der Fuji ist. Auf dem Kraterrand herrscht nur eine Hohendifferenz von 20 Metern auf einer Strecke von 3-4 Kilometern.
Den Sonnenaufgang haben wir trotz eisigen Windes erleben und genießen können! Das war ein sehr prächtiges Farbenspiel. Wir über den Wolken, die Sonne langsam immer starker werdend vor uns. Wir harrten ungefähr 1 Stunde aus und beobachteten einfach nur. Danach erklommen wir noch die restlichen 200 Hohenmeter und erschraken beinahe vor der Unmenge von Leuten, die sich dort um 6 Uhr früh in ca. 3750 m Höhe befanden. Die meistens waren Japaner und extrem gut auf die Kälte und den Wind vorbereitet. Nicht wie viele Gaijin, die wenn man einigen Reiseführern Glauben schenkt, sogar schon in kurzer Hose auf den Fuji losmarschiert sein müssen. Der Ausblick bei Tag war fantastisch. In der Nacht war das Wetter stabil. Kein Regen, nur eisiger Wind. An diesem Morgen, lachte uns denn auch die Sonne ins Gesicht. Unten in den Tälern konnte man den Nebel aufsteigen sehen. Wir entschieden uns gegen eine Kraterwanderung, genossen die Aussicht eine Weile und machten uns dann wieder an den Abstieg. Meine persönliche Theorie ist, das eigentlich der Abstieg die Herausforderung am Fuji ist.... ob das stimmt, musst ihr aber selber rausfinden. Also, auf zum Fuji!

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