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Reiseberichte: Jenaer Studenten in Japan
Georg Wagner: Austausch: Reitaku, 2001-2002

Mein Tag in Japan

Morgens 8:30 Uhr, mein Wecker klingelt, wieder beginnt ein Studientag an der Reitaku Universität in Kashiwa, Nahe Tokyo, an der ich nun schon seit sieben Monaten studiere. Wie im Flug ist die Zeit bisher vergangen, und ich habe den Eindruck, dass ich schon wieder nach Deutschland zurück gehen muss, kaum dass ich mich gerade so weit eingelebt habe, dass ich in leisen Ansätzen erkennen kann, was Japaner wirklich denken, obwohl sie ihre wahren Gefühle nicht deutlich zeigen. Wie im Flug wird auch der heutige Tag vergehen, denn man ist von morgens bis abends so eingespannt, dass Zeit für die Besinnung auf das, was man ursprünglich in Japan machen wollte eigentlich nicht vorhanden ist, und einem nur noch übrig bleibt, dem zu folgen, was alle anderen auch machen, sei es nun im eigenen Sinne, oder nicht.
Schnell frühstucke ich noch einen Toast und schaffe es gerade noch rechtzeitig zum Unterricht, in dem wir wie jeden Tag, strikt nach Plan eine neue Lektion im Buch durchpowern werden, ohne auch nur einen einzigen vorgegebenen Beispielsatz auszulassen.
Mittags treffe ich meine Freundin Conny, um mit anderen japanischen Freunden Essen zu gehen. Zur Begrüßung küsse ich Conny auf die Wange - ich habe immer noch nicht verstanden, was die Japaner daran eigentlich so peinlich finden, zumal es überhaupt keinen Ort mehr gibt, an dem wir mal alleine sein können, seit die Open Dormitory Days, die einzigen zwei Tage im Monat, an dem Mädchen und Jungs sich gegenseitig im Wohnheim besuchen dürfen, aus ethischen Gründen der "Moralogie" abgeschafft wurden.
Nach weiteren zwei Stunden Unterricht und einer Stunde Konversation mit den japanischen Deutschstudenten ist dann endlich Zeit für Hausaufgaben, Abendessen und wenn ich Glück habe auch, um Freunde zu treffen.
Manchmal bleibt abends sogar noch Zeit, meinen Mitstudenten aus China, Taiwan oder Korea oder meinen japanischen Freunden noch Fotos von meinen Reisen durch Japan zu zeigen. Dann erinnere ich mich, wie schön die Tempelgarten Kyotos, wie faszinierend mächtig die Vulkane und Seen Hokkaidos und wie unglaublich bunt die Lichter der Ginza in Tokyo sind. In diesen Momenten wird mir bewusst, dass ich trotz des schnellen Alltags froh bin, in Japan zu sein, und möchte all meinen Lehrern und Freunden danken, dass sie mir dieses einmalige Erlebnis ermöglicht haben.

 

Georgs Tag in Japan (aus der Sicht eines Einheimischen)

Morgens, 8:30 Uhr: Wir als Japaner wurden längst in der Bahn zur Uni sitzen und die Fahrzeit für ein kurzes Nickerchen nutzen, da steht Georg erst auf und nimmt sich sogar noch die Zeit zum Frühstücken! Sieben Monate ist er nun schon hier und wird wahrscheinlich nie lernen, nicht immer so direkt zu sein und einmal genauer hinzusehen, um zu verstehen, was Japaner wirklich denken. Außerdem, wann lernt er eigentlich endlich einmal richtig Japanisch? Als Student hat er ja eigentlich Zeit dafür genug: nur bis um 16 Uhr Unterricht und danach außer Hausaufgaben Freizeit!
Aber nein, stattdessen kommt er jeden Morgen gehetzt und unausgeschlafen, immer etwas zu spät in den Unterricht und behauptet auch noch, er würde alleine besser lernen konnen, als in der Klasse. Dabei muss er doch sehen, dass in der Gruppe alles leichter zu bewältigen ist als allein. Die Gruppe weiß doch am besten, was gut für ihn ist. Immer diese Individualisten aus dem Westen!
Mittags trifft er sich dann mit seiner deutschen Freundin. (Ob das wohl so gut für sein Japanischlernen ist, wenn er immer wieder nur Deutsch redet?) Ich wage gar nicht auszusprechen, was sie zur Begrusung alles machen.... Muss man so etwas in der Öffentlichkeit wirklich zeigen? Na ja, sie sind Ausländer, da kann man nichts machen.
Wenigstens ist das Wohnheim wieder "sicher" geworden, seitdem der gegenseitige Besuchstag abgeschafft wurde. Prof. Hiroike, der die ethischen Grundprinzipien unserer Universität in seiner "Moralogie" ja sehr richtig niederlegte, und die Eltern, die sich entscheiden müssen, an welche Universität sie die hohen Studiengebühren bezahlen, hatten so einen Besuchstag sowieso nicht für gut empfunden.
Nach dem Unterricht und der Deutschkonversation geht Georg dann nicht etwa in die Bibliothek zum Lernen, sondern macht Essen und amüsiert sich mit Freunden. Unglaublich, wie viel Zeit er sich dafür nimmt!
Auch in den Sommerferien hat er nichts als Reisen gemacht. Ich dachte ja erst, er wurde uns auf den Arm nehmen, aber er ist doch tatsächlich für drei Wochen mit dem Zelt durch Hokkaido getrampt! Andere Leute an der Autobahnraststätte einfach um einen Ride zu fragen, so eine Frechheit können sich auch nur Ausländer erlauben. Außerdem ist das doch gefährlich! Wenn man schon auf eine Reise geht, dann möchte man doch eine ganze Sache machen, bequem mit dem Flugzeug anreisen, ins vorgebuchte Hotel gehen, und vor allem gut essen; und nicht jeden Tag so improvisieren müssen, als wäre man ein Landstreicher. Was er so toll an den Vulkanen und Seen findet, weiß ich auch nicht so genau, aber wenn man sich anstrengt, zu verstehen, was er auf Japanisch sagen will, scheint es ihm in Japan doch recht gut gefallen zu haben, und obwohl er mit seinen starken Augenbrauen manchmal etwas böse aussieht, ist er eigentlich doch ganz nett... .

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