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Mein Tag in Japan
Morgens 8:30 Uhr, mein Wecker klingelt, wieder
beginnt ein Studientag an der Reitaku Universität in Kashiwa,
Nahe Tokyo, an der ich nun schon seit sieben Monaten studiere.
Wie im Flug ist die Zeit bisher vergangen, und ich habe den Eindruck,
dass ich schon wieder nach Deutschland zurück gehen muss, kaum dass
ich mich gerade so weit eingelebt habe, dass ich in leisen Ansätzen
erkennen kann, was Japaner wirklich denken, obwohl sie ihre wahren
Gefühle nicht deutlich zeigen. Wie im Flug wird auch der heutige
Tag vergehen, denn man ist von morgens bis abends so eingespannt,
dass Zeit für die Besinnung auf das, was man ursprünglich in Japan
machen wollte eigentlich nicht vorhanden ist, und einem nur noch
übrig bleibt, dem zu folgen, was alle anderen auch machen, sei es
nun im eigenen Sinne, oder nicht.
Schnell frühstucke ich noch einen Toast und schaffe es gerade noch
rechtzeitig zum Unterricht, in dem wir wie jeden Tag, strikt nach
Plan eine neue Lektion im Buch durchpowern werden, ohne auch nur
einen einzigen vorgegebenen Beispielsatz auszulassen.
Mittags treffe ich meine Freundin Conny, um mit anderen japanischen
Freunden Essen zu gehen. Zur Begrüßung küsse ich Conny auf die Wange
- ich habe immer noch nicht verstanden, was die Japaner daran eigentlich
so peinlich finden, zumal es überhaupt keinen Ort mehr gibt, an dem
wir mal alleine sein können, seit die Open Dormitory Days, die einzigen
zwei Tage im Monat, an dem Mädchen und Jungs sich gegenseitig im
Wohnheim besuchen dürfen, aus ethischen Gründen der "Moralogie"
abgeschafft wurden.
Nach weiteren zwei Stunden Unterricht und einer Stunde Konversation
mit den japanischen Deutschstudenten ist dann endlich Zeit für Hausaufgaben,
Abendessen und wenn ich Glück habe auch, um Freunde zu treffen.
Manchmal bleibt abends sogar noch Zeit, meinen Mitstudenten aus
China, Taiwan oder Korea oder meinen japanischen Freunden noch Fotos
von meinen Reisen durch Japan zu zeigen. Dann erinnere ich mich,
wie schön die Tempelgarten Kyotos, wie faszinierend mächtig die Vulkane
und Seen Hokkaidos und wie unglaublich bunt die Lichter der
Ginza in Tokyo sind. In diesen Momenten wird mir bewusst,
dass ich trotz des schnellen Alltags froh bin, in Japan zu sein,
und möchte all meinen Lehrern und Freunden danken, dass sie mir dieses
einmalige Erlebnis ermöglicht haben.
Georgs Tag in Japan (aus der
Sicht eines Einheimischen)
Morgens, 8:30 Uhr: Wir als Japaner wurden längst in
der Bahn zur Uni sitzen und die Fahrzeit für ein kurzes Nickerchen
nutzen, da steht Georg erst auf und nimmt sich sogar noch die Zeit
zum Frühstücken! Sieben Monate ist er nun schon hier und wird wahrscheinlich
nie lernen, nicht immer so direkt zu sein und einmal genauer hinzusehen,
um zu verstehen, was Japaner wirklich denken. Außerdem, wann lernt
er eigentlich endlich einmal richtig Japanisch? Als Student hat
er ja eigentlich Zeit dafür genug: nur bis um 16 Uhr Unterricht und
danach außer Hausaufgaben Freizeit!
Aber nein, stattdessen kommt er jeden Morgen gehetzt und unausgeschlafen,
immer etwas zu spät in den Unterricht und behauptet auch noch, er
würde alleine besser lernen konnen, als in der Klasse. Dabei muss
er doch sehen, dass in der Gruppe alles leichter zu bewältigen ist
als allein. Die Gruppe weiß doch am besten, was gut für ihn ist.
Immer diese Individualisten aus dem Westen!
Mittags trifft er sich dann mit seiner deutschen Freundin. (Ob das
wohl so gut für sein Japanischlernen ist, wenn er immer wieder nur
Deutsch redet?) Ich wage gar nicht auszusprechen, was sie zur Begrusung
alles machen.... Muss man so etwas in der Öffentlichkeit wirklich
zeigen? Na ja, sie sind Ausländer, da kann man nichts machen.
Wenigstens ist das Wohnheim wieder "sicher" geworden,
seitdem der gegenseitige Besuchstag abgeschafft wurde. Prof.
Hiroike, der die ethischen Grundprinzipien unserer Universität
in seiner "Moralogie" ja sehr richtig niederlegte, und
die Eltern, die sich entscheiden müssen, an welche Universität sie
die hohen Studiengebühren bezahlen, hatten so einen Besuchstag sowieso
nicht für gut empfunden.
Nach dem Unterricht und der Deutschkonversation geht Georg dann
nicht etwa in die Bibliothek zum Lernen, sondern macht Essen und
amüsiert sich mit Freunden. Unglaublich, wie viel Zeit er sich dafür
nimmt!
Auch in den Sommerferien hat er nichts als Reisen gemacht. Ich dachte
ja erst, er wurde uns auf den Arm nehmen, aber er ist doch tatsächlich
für drei Wochen mit dem Zelt durch Hokkaido getrampt! Andere
Leute an der Autobahnraststätte einfach um einen Ride zu fragen,
so eine Frechheit können sich auch nur Ausländer erlauben. Außerdem
ist das doch gefährlich! Wenn man schon auf eine Reise geht, dann
möchte man doch eine ganze Sache machen, bequem mit dem Flugzeug
anreisen, ins vorgebuchte Hotel gehen, und vor allem gut essen;
und nicht jeden Tag so improvisieren müssen, als wäre man ein Landstreicher.
Was er so toll an den Vulkanen und Seen findet, weiß ich auch nicht
so genau, aber wenn man sich anstrengt, zu verstehen, was er auf
Japanisch sagen will, scheint es ihm in Japan doch recht gut gefallen
zu haben, und obwohl er mit seinen starken Augenbrauen manchmal
etwas böse aussieht, ist er eigentlich doch ganz nett... .
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