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Reiseberichte: Jenaer Studenten in Japan
Cornelia Ziegler: Austausch: Reitaku, 2001-2002

Strikte Organisation versus Trampen

Anfang August 2001 sind wir (Georg und ich) nach Hokkaido gefahren. Wie? Per Anhalter! Für Japaner ist das kaum zu glauben, dass wir es nur mit Autostop von Tokyo bis ganz durch Hokkaido und zurück geschafft haben. Da Japaner normalerweise nicht schlecht verdienen, aber nur eine Woche Urlaub im Jahr haben, sind die üblichen Reisen hier zwar kurz, aber dafür um so durchgeplanter und kostspieliger. Für drei Tage mit dem Flugzeug von Tokyo nach Sapporo (Hokkaido, ca. 700km), dann mit dem Mietauto in ein 4-5 Sterne Hotel für insgesamt 2000-3000 DM ist keine Seltenheit.

Von Tokyo ging es bis nach Aomori (nordliche Hafenstadt auf Honshu). Dort sahen wir uns das berühmt berüchtigte Nebuta Matsuri an, ein traditionelles Fest mit vielen Umzugswagen. Darauf waren riesige Papierfiguren befestigt, die Gotteswächter im Kampf gegen das Böse darstellten. Es gibt verschiedene Deutungen, welchen Ursprung das Fest hat. Eine davon ist, dass man von der Sommerhitze aufwachen soll, eine andere ein Siegeszug. Beim Fest wurden viele laute Trommeln gespielt, gefeiert und in farbenfrohen Kostümen stundenlang getanzt.
Am folgenden Tag nahmen wir von Aomori die Fähre nach Hakodate (Hokkaido) und trampten von dort aus weiter nach Sapporo und in die schönsten Nationalparks. Auf dem Weg lernten wir einen Japaner kennen, der uns in einem Kleinbus 300 km in unsere gewünschte Richtung mitnahm und auch noch in sein Haus in Sapporo einlud. Dort blieben wir zwei Tage und besichtigten die Stadt. Außerdem besaß dieser Mann nebenbei auch noch ein Okonomiyaki-Restaurant (eine Art japanische Pizza), in welches wir zum Abendessen eingeladen wurden.

Weiter ging es in den Daisetsusan Nationalpark, der in der Mitte Hokkaidos liegt. Mit dem Sessellift fuhren wir auf den Kurodake-Berg (ca. 1500m), um dort in der Nähe unser Lager aufzubauen. Der Zeltplatz wurde nämlich im Reiseführer und auf der Karte nicht nur als gut erreichbar beschrieben, sondern ist gleichzeitig der Anfangspunkt für eine der beliebtesten mehrtägigen Wanderrouten in Hokkaido.
Als wir mit dem Lift auf dem Berg ankamen war es bereits sechs Uhr abends und die Sonne ging schon langsam unter. Aber wir hatten auf den Schildern und Karten gelesen, dass es bis zu der Hütte mit angrenzendem Zeltplatz nur noch 40 Minuten zu Fuß sind. Also dachten wir, ist es kein Problem, das noch vor Sonnenuntergang zu erreichen.
Aber diese harmlos aussehenden 40 Minuten auf der Karte entpuppten sich zu anstrengenden zweieinhalb Stunden Fußmarsch. Dazu kam, dass es bergauf ging und wir auf dem Rücken unsere schweren Rücksäcke mit Zelt, Schlafsäcken und Essen hatten (denn Proviant kann man dort oben nicht kaufen), mit denen wir zuerst die Spitze des Berges, den Kurodake erklimmen mussten. Normalerweise sind dort nur durchtrainierte Japaner anzutreffen, die sich auf diesen Aufstieg intensivst vorbereiten, indem sie monatelang vorher gefüllte Wasserfläschen in Rücksäcken die Treppe hochbuckeln. Diese Japaner schaffen das auch in fast einer Stunde!
Aber wir hatten in derselben Zeit gerade die Spitze des Berges erreicht, welche ca. ein Drittel des Weges bis zum Zeltplatz war. Danach ging es zum Glück meist geradeaus oder bergab.
Ein weiterer Punkt, der den Aufstieg erschwerte waren Bären. Wir hatten gelesen, dass man nach Einbruch der Dunkelheit in Hokkaido nicht mehr wandern sollte, weil es echte Bären (keine Blau-, Brom- oder Goldbären) gibt. Deshalb wollten wir den Bären auch keinen Anlass geben, uns anzugreifen und uns beeilen, dass wir schnell zur Hütte kamen. Außerdem riechen wilde Tiere ja auch unsere Essensvorräte und werden dadurch womöglich angelockt.
Da es nun aber schon dunkel war, vermutete ich hinter jedem Busch einen Bären oder zumindest einen Fuchs, der sich gleich in unsere Richtung bewegt. Dies trieb uns an, sich immer mehr zu beeilen, obwohl die Rücksäcke extrem schwer und wir am Ende unserer Kräfte waren.
Trotz alledem haben wir es doch geschafft. Wir begegneten glucklicherweise weder einem Bären noch anderen wilden Tieren und erreichten die Hütte im Dunkeln, neben der wir ziemlich erschöpft unser Zelt aufbauten. Diese Nacht sollte nicht nur zu einer der kaltesten, sondern auch zu einer der kürzesten werden, denn sie endete schon gegen drei Uhr morgens. Das war die Zeit, zu der die Leute, die in den benachbarten Zelten übernachteten, schon wieder aufstanden und ihre Sachen packten. Es war um diese Zeit auch schon hell und die Japaner wollten ihre Wandertour früh beginnen. Das spiegelt die perfekte Planung und die strikte Organisation der Japaner wider. Es zeigt, dass alles lange Zeit vorher wohlüberlegt, geplant und sichergestellt wurde .... ganz im Gegensatz zu uns trampenden Rücksäcktouristen, die in den Tag hineinleben und nicht wissen, an welchem Ort sie sich abends niederlassen!

Ein paar Tage blieben wir noch im Daisetsusan Nationalpark und setzen unsere Hokkaidotour zum Akan- und zum Shireitoko Nationalpark fort. Dort zelteten wir in den verbleibenden zwei Wochen, sahen wunderschöne Wasserfälle, bestiegen Vulkane, schwammen in einem See und entspannten uns in natürlichen Onsen (Heise Mineralquellen), die aufgrund von immer noch aktiven Vulkanen an vielen Orten anzutreffen sind. Außerdem haben wir viele Eich- und Streifenhörnchen sowie Füchse und sogar ein Reh gesehen. Mit anderen Worten: Wir genossen Natur pur ohne jeglichen Stress und Hektik, weit entfernt von denselbigen.
Die ganze Reise war für uns in vielerlei Hinsicht hochinteressant, weil wir junge und altere Japaner getroffen, und durch sie mehr Einblicke in die japanische Kultur sowie deren persönliche Sichtweisen über Gott und die Welt gewonnen haben. Des weiteren waren wir immer wieder über die Gastfreundlichkeit der Japaner verblüfft.
Ferner war es eine erholsame Reise, da selbst die Großstädte in Hokkaido nicht so ein schnelles Leben haben wie z.B. Tokyo. Dazu kommt, dass in den Städten, die auf unterschiedlichen Inseln Japans liegen, der Anteil von Natur und Mensch anders gewichtet ist und es war deshalb eine gelungene Abwechslung von unserem Alltagsleben hier an der Reitaku Universität in der Nähe von Tokyo.

Obwohl Trampen und das ungeplante in den Tag hineinleben, was dabei fast notwendig ist, daher in Japan ziemlich unüblich ist, sind die Leute hier trotzdem immer sehr nett gewesen, und es halt oft ein Auto an (besonders für Auslander, weil man denkt, sie haben sich verlaufen), noch ehe die Tinte auf dem Schild mit der gewunschten Tramprichtung getrocknet ist ....

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