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Reiseberichte: Jenaer Studenten in Japan
Antje Tanzberger: Austausch, Reitaku 2000-2001

Ein Jahr in Japan

Gleich nach der Ankunft in Japan, genauer gesagt in der Reitaku-Universität in Minami-Kashiwa (Chiba), sind wir (die drei deutschen Studenten) zusammen mit den Studienanfängern und den Professoren des Deutsch-Instituts nach Tanigawa gefahren. Das ist ein kleiner Ort in den Bergen ca. drei Stunden von Tokyo entfernt. Hier konnten sich die neuen Studenten kennenlernen und sich im Ryokan (traditionelles japanisches Hotel) bei traditionellem Essen erste Kontakte knüpfen. Das war der erste Test, nicht nur für meine Japanischkenntnisse, sondern auch fur meinen Magen. Obwohl Sashimi (roher Fisch) und das deftige traditionelle japanische Frühstuck etwas gewohnungsbedürftig waren, und auch die Verständigung nicht immer ganz problemlos klappte, waren die drei Tage in Tanigawa nicht nur im Hinblick auf die traditionelle japanische Kultur ein unvergessliches Erlebnis für mich.

Nach der Rückkehr fing das Semester und damit der normale Alltag an, d. h. Leben im Studentenwohnheim, Unterricht, Teilzeitarbeit, Einkaufen usw.. Das war manchmal gar nicht so einfach. Aber mit viel eigenem Willen und der schier unendlichen Geduld vieler netter Menschen, angefangen von unseren Japanisch-Lehrern bis hin zur Verkäuferin im Supermarkt, konnte ich mich schnell einleben und wohl fühlen.

Gewöhnungsbedürftig war alleerdings der Mongen, also der allabendliche Torschluss im Mädchenwohnheim. Das bedeutet, jeden Abend Punkt 23.00 Uhr wurde das Tor des Mädchenwohnheims abgeschlossen und erst 6.00 Uhr morgens wurde es wieder geöffnet. Man konnte während dieser Zeit weder ins Wohnheim hinein noch aus dem Wohnheim heraus. (Mit der Zeit ergaben sich jedoch Mittel und Wege dieses Verbot wenigstens teilweise zu umgehen.)

Die Woche war ausgefüllt mit Unterricht und Arbeit. Aber die Wochenenden haben wir zu Ausflügen in die nähere und weitere Umgebung (Tokyo, Yokohama, Sawara, Choshi, Funabashi usw.) genutzt. Dank guter Zugverbindungen waren auch größere Entfernungen kein Problem. So ging das erste Semester eigentlich wie im Flug vorüber. Dann hatten wir ungefahr zwei Monate Sommerferien mit echtem Sommerwetter. Es war schwül, bei 25 - 30 Grad im Schatten. Wenn einem zu heiß wurde, konnte man jederzeit in mit Klimaanlagen ausgestattete Räume flüchten.

Ich habe diese Zeit genutzt, um Freunde zu besuchen und zu reisen. Es ging von Hokkaido im Norden bis nach Okinawa im Suden und von Tokyo im Osten nach Osaka im Westen. Von der Vielfältigkeit der Natur und der Freundlichkeit der Menschen war ich besonders begeistert.

Dann war es auch schon wieder September und das neue Semester fing an. Der Unterricht war etwas anstrengender, aber für kleinere und größere Ausfluge reichte die Zeit trotzdem. Wir besuchten ein paar traditionelle Herbstfeste in Sawara und in Kawagoe. Außerdem fuhren wir nach Hakone um den Fuji-san zu sehen. Wir hatten klare Sicht, der Anblick war einfach traumhaft. Ein unbedingtes Muß!

Anfang November fand das jährliche Unifestival an der Reitaku-Universität statt mit Theaterstücken, Konzerten, Ausstellungen usw.

Dann kam auch schon Weihnachten immer näher. Vor Weihnachten hatte ich immer ein bißchen Angst. Das erste Mal weg von zu Hause, Heimweh... Aber das war dann alles nur halb so schlimm. Denn auch in Japan, obwohl nicht richtig Weihnachten gefeiert wird, sind die großen Kaufhäuser weihnachtlich geschmückt. An einigen Platzen in Tokyo (Ebisu, Shinjuku) kam bei mir wegen festlich geschmückter Weihnachtsbäume und einer großen Anzahl Weihnachtssterne sogar richtige Weihnachtsstimmung auf. Für den Rest haben wir dann selbst gesorgt. Wir haben Stollen und Plätzchen gebacken und am 24.12. hatten wir dann sogar eine Weihnachtsparty mit echtem Weihnachtsmann, was will man mehr?

Nach einem fast deutschen Weihnachtsfest wurde es Silvester wieder richtig japanisch, mit Tempel- und Schreinbesuch und mit Toshikoshisoba (Nudelsuppe zum Jahreswechsel). Ich fand Silvester in Japan sehr ruhig und besinnlich.

Von Anfang bis Mitte Januar hat es dann immer mal geschneit in Minami-Kashiwa. So kamen wir auch noch zum Schneemann bauen. Der Unterricht endete Anfang Februar. Dann wurde es noch mal richtig kalt und eisig, denn wir fuhren zum Yukimatsuri (Schneefestival) nach Sapporo (großte Stadt auf Hokkaido). Die Eis- und Schneefiguren waren wirklich beeindruckend. Außerdem hatte ich seit meiner Kindheit nicht mehr soviel Schnee gesehen.

Nun kam aber auch schon die Zeit zum Abschied nehmen. Das hieß, so viele Freunde wie möglich noch mal treffen und "bye bye" sagen. Das war ziemlich traurig. Denn man weiß ja nie, wann man sich wiedersieht.

Mitte März kam meine Familie, sozusagen um mich abzuholen. Zusammen haben wir eine kleine Reise von Tokyo uber Kamakura, Hakone, Kyoto bis nach Hiroshima gemacht. Das war ein schöner Abschluss für mich; und ich konnte meiner Familie wenigstens einen kleinen Teil des Landes zeigen, in dem ich mich ein Jahr zu Hause gefühlt habe.

Ich möchte mich bei allen, die mir dieses schöne Jahr in Japan ermöglicht haben ganz ganz herzlich bedanken. DANKE!!!

Noch ein kleiner Tip für alle deutschen Studenten, die in Zukunft in Japan studieren möchten:
Japan ist nicht ganz einfach, man muss sich ab und zu mit kleineren oder auch größeren Problemen auseinandersetzen (Kanji, Mongen....) Aber Probleme sind dazu da, um gelöst zu werden, und für jedes Problem gibt es eine Lösung, auch wenn diese manchmal nicht sofort offensichtlich ist.

Das "Land des Lachelns" hat so viele schöne Seiten, das man über die Probleme getrost mit einem Lacheln hinwegsehen kann.

Japan ist ein Abenteuer! Genießt es! Viel Spaß!!!

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